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Dr. Kaesmeier zur aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise

Josef KaesmeierVor ein paar Tagen fand ein Gespräch zwischen Alexander Krekel und Dr. Josef Kaesmeier, Chefvolkswirt von Merck Finck & Co., Privatbankiers, statt. Es ging dabei um die Beantwortung von Fragen zu der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Nachfolgend mit freundlicher Genehmigung von Merck Finck & Co. Privatbankiers und Dr. Josef Kaesmeier das Interview.

AK

Nicht nur ich bin momentan verwirrt von den täglich wechselnden Schlagzeilen zu der Wirtschafts- und Finanzkrise. Auch unsere Anleger und Partner haben derzeit einige Fragen. Herr Dr. Kaesmeier, wir kennen uns nun seit fast 11 Jahren und Sie haben sich bereit erklärt, in Ihrer Funktion als Chefvolkswirt von Merck Finck & Co, Privatbankiers sich Zeit zu nehmen, um uns allen etwas differenzierter Auskunft aus Ihrer Sicht zu geben.

Darf ich Sie zuerst fragen, ob es sich um eine Krise handelt oder ob wir nicht zwischen der Finanzkrise und der Wirtschaftskrise unterscheiden sollten, und warum?

JK

Sie haben in der Tat völlig Recht. Eine Wirtschaftskrise, also die Schwankungen des Konjunkturzyklus sind in unseren marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystemen eigentlich etwas ganz Normales, da systemimmanent. Für die Steuerung dieser Art von Konjunkturzyklus stehen unseren Staaten die Instrumente der Geld- und der Finanzpolitik zur Verfügung. In den letzten 60 Jahren sollten wir gelernt haben, mit diesen Instrumenten die Ausschläge der Wirtschaftsschwankungen zu zähmen.

Als markanten Unterschied zu den Konjunkturzyklen der letzten 60 Jahre haben wir es nun mit einer systemgefährdenden Finanzkrise als Auslöser zu tun. Eine weltweite Vertrauenskrise im Finanzsystem hatten wir in den Industrieländern seit dem 2. Weltkrieg nicht erleben müssen. Hier fehlen uns die historischen Parallelen, wie wir sie für den Konjunkturzyklus kennen.

Als vergleichbare Szenarien weichen wir deshalb im Extremfall auf die Depression ab 1929 aus oder aber auf die Finanzkrise in Japan Anfang der 90er Jahre.

AK

Wie konnte so was ¸berhaupt passieren?

JK

Es klingt vielleicht etwas simpel, aber die derzeitige Krise hat durchaus etwas mit dem Überoptimismus der Amerikaner zu tun. Nach dem Börsencrash von 2001/2002 hatte die amerikanische Zentralbank die Zinsen auf 1 % gesenkt und sie sehr lange sehr niedrig gehalten. Dadurch konnte damals eine schlimmere Rezession vermieden werden. Dies nährte den Eindruck, dass die Amerikaner den Wirtschaftszyklus besiegt hätten. Mit dieser Politik war jedoch der Grundstein für die nächste Blase gelegt. Das Schlagwort der US-Politik – Jeder Amerikaner sollte in seinem eigenen Haus wohnen – ließ sich angesichts der extrem niedrigen Zinsen fast verwirklichen. Den Rest besorgten unvorsichtige Banken, die ohne aufwändige Kreditwürdigkeitsprüfung Immobilien mit bis zu 120 % beliehen. So lebten die amerikanischen Verbraucher jahrelang über ihre Verhältnisse, begünstigt durch niedrige Zinsen und leicht verfügbare Kredite.

AK

Ist die ganze Krise also ein rein amerikanisches Problem?

JK

Das war anfangs unser aller Hoffnung. Wir wissen zwar, dass wir vom Auf und Ab der größten, nämlich der US-Wirtschaft, immer stark betroffen waren. Vorübergehend hatten wir aber die Hoffnung, uns von der amerikanischen Konjunktur schon etwas freigeschwommen zu haben. Die größten Auftragsgeber für die deutsche Exportindustrie sind nämlich seit Jahren die Schwellenländer, allen voran China und Osteuropa. Lange Zeit sah es so aus, als hätten sich diese Länder von der Bankenkrise der Industrieländer abkoppeln können. Im Frühjahr 2008 holte uns dann jedoch die Realität ein: Die Finanzkrise hatte massiv auf die Wirtschaft der Welt durchgeschlagen, so das selbst Länder wie China, die nicht unmittelbar von der Finanzkrise betroffen waren, einen Konjunktureinbruch unbekannten Ausmaßes erlebten.

In Deutschland mussten wir ziemlich früh feststellen, dass einige Banken sehr aggressiv in US-Anleihen aus dem Immobilienbereich und ähnlichen überschuldeten Sektoren investiert waren. Allen voran waren es die Banken der öffentlichen Hand (IKB, Sachsen LB) die uns schnell zeigten, dass wir in Deutschland massiv von der US-Finanzkrise betroffen sind.

AK

Herr Dr. Kaesmeier, verstehe ich richtig, dass mit ein Grund der deutschen Finanzkrise die hohe Bonität einiger Landesbanken mit AAA war? Daraufhin konnten sich diese Banken billiges Geld leihen, um ihrerseits langfristige Finanzierungen zu einem hohen Zinssatz zu verkaufen. Refinanziert wurde dies mit billigen kurzen Zinsen. Ist das so richtig oder übersehe ich da etwas?

JK

Ihre Frage trifft den Kern, die Realität ist noch etwas komplexer. Die Zinsstrukturkurve, die zeigt, wie viele Zinsen Sie für unterschiedliche Laufzeiten bezahlen müssen bzw. erhalten, war lange Zeit sehr flach gewesen. Dies bedeutet, dass Banken gerade nicht durch die Aufnahme niedriger kurzfristiger Gelder und die Investition in höherverzinsliche, langfristigere Anlagen Geld verdienen konnten. Aus diesem Grunde nahm man kurzfristigere Gelder am liquiden Interbankenmarkt auf und investierte sie in riskantere Papiere, welche eine höhere Verzinsung erbrachten. Diese Papiere waren so genannte Asset Backed Securities (ABS) oder ähnliche Strukturen, welche als Inhalt Papiere von zum Teil höchst unsoliden Schuldnern enthielten. Natürlich war es für die Landesbanken sehr hilfreich, dass sie am Markt ein gutes Rating hatten und deshalb relativ günstig an kurzfristiges Geld kamen. Und natürlich schien es eine ganze Zeit sehr attraktiv, mit diesem Geld in vielfältig verschachtelte strukturierte Anleihen mit einer deutlich höheren Verzinsung zu investieren. Nur sollten Banken eigentlich wissen, dass es an den Finanzmärkten keinen Free Lunch gibt. Auch wenn manche Ratingagenturen auf diesen Papieren mit einem AAA beste Bonität bescheinigten, hätte jedem seriösen Kaufmann klar sein müssen, dass er den zusätzlichen Ertrag nur durch zusätzliche Risiken erwirtschaften konnte.

Als der Markt für strukturierte Anleihen dann implodierte, stellten gerade manche öffentlichen Banken fest, dass sie angesichts ihrer hohen Investitionssummen nun ein massives Problem hatten.

AK

Wer ist daran schuld?

JK

Schuld ist, wenn man das Problem auf diesen einen Nenner bringen möchte, der massive Anstieg der Verschuldung, insbesondere der amerikanischen wie auch der britischen und spanischen Verbraucher und Hauskäufer. Aber dies konnte nur entstehen, weil fehlende Regulierungen in manchen Bereichen des Finanzsystems dies zuließen. Darüber hinaus haben manch blauäugige Politiker dies noch zusätzlich gefördert. So haben es Amerikaner und Briten gerne unterstützt, dass Hedgefonds in unregulierten Ländern lokiert waren; diese kommen jedoch häufig durch einen massiven Hebel zu ihren Erträgen. Aber auch hierzulande haben die Aufsichtsbehörden und viele Politiker – siehe Landesbanken – die Risiken deutlich unterschätzt. Die fehlende Aufsicht führte zu einseitigen Anreizsystemen, welche bei Erfolg einen hohen (privaten) Gewinn versprachen und bei Misserfolg den (Total-) Verlust der Anlagegelder bedeuteten. So gingen gierige Investmentmanager immer höhere Investmentrisiken ein und gierige Anleger folgten erfolgreichen Investoren nur zu gerne. Als die Blase platzte, waren die Gewinne verteilt (privat), die Verluste aber so groß, dass sie sozialisiert werden müssen.

AK

Wie geht es weiter? Welche Szenarien gibt es? Inflation, Deflation, Währungsumstellung/-reform?

JK

Um ganz ehrlich zu sein: Wie es wirklich weitergeht, weiß niemand. Sollten alle Konjunkturprogramme und die extrem niedrigen Zinsen in Zukunft nachfragewirksam werden, so wird die Inflation zu einem Problem werden. Gelingt es nicht, das Vertrauen in die Finanzwirtschaft zurück zu gewinnen, kann es nach einem kurzen Aufschwung auch schon wieder abwärts gehen und man müsste dann mehr das japanische Modell der jahrelangen Deflation befürchten.

Im Moment würde ich erwarten, dass wir uns irgendwie dazwischen bewegen werden. Die konzertierten Maßnahmen rund um die Welt werden das Finanzsystem stabilisieren und zu einer Konjunkturbelebung führen. Allerdings muss die massive Verschuldung der privaten Haushalte und nun auch der Staaten irgendwann auch wieder reduziert werden. Deshalb wird die Weltwirtschaft über viele Jahre hinweg nicht mehr das Wachstum des letzten Jahrzehnts erreichen. Wir werden also in jeder Beziehung, ob bei den Unternehmen, Haushalten oder an den Finanzmärkten in Zukunft kleinere Brötchen backen.

Eine Währungsreform/-umstellung sehe ich weder bei uns in der Eurozone noch in den USA als wahrscheinlich. Allerdings wird man sich in den nächsten Jahren mit massiven Wechselkursbewegungen anfreunden müssen. Denn das so genannte Quantitative Easing, das die Zentralbanken in Amerika und Großbritannien (und in einigen kleineren Ländern) ausüben, ist nichts anderes als Gelddrucken per Notenpresse. Damit wird das Angebot massiv erhöht, was irgendwann zu einem Verfall dieser Währungen führen wird. Nicht zuletzt aus Angst vor einem kräftigen Dollarrückgang haben die Chinesen zuletzt schon einmal angeregt, über eine neue Weltleitwährung nachzudenken.

AK

Was raten Sie Ihren Anlegern?

JK

Dies hängt sehr stark von der Risikoneigung des Anlegers ab. Für den Teil seines Vermögens, den er sicher über die schwierigen Zeiten bringen will, raten wir unverändert zu einem vorsichtigen Anlageverhalten. Viel Kasse, ausgewählte Unternehmens- und Staatsanleihen in kurzen Laufzeiten, Gold und in kleinem Umfang solide Aktien. Denn man sollte nicht vergessen, dass eine Siemens etwa zwei Währungsreformen und zwei Weltkriege überstand, was von Staatsanleihen und Immobilien so nicht behauptet werden kann.

Für Anleger, die dynamischer denken und für einen kleineren Teil ihres Vermögens auch Risiken eingehen wollen, raten wir neben ausgewählten Unternehmensanleihen wenigstens vorübergehend die Aktienquote zu erhöhen und dabei insbesondere auch an China und Brasilien zu denken. Länder wie diese sind von der Finanzkrise deutlich weniger betroffen und weisen im Inland weiterhin beachtliche Wachstumsraten auf. Wir haben zu diesem Zwecke einen eigenen Fonds (Universal Megatrends MF Fonds) aufgelegt, der derzeit neben dem Trend Schwellenländer in Gold und in einem kleineren Anteil in alternative Energien investiert ist. Innerhalb des Fonds kann man steuereffizient die verfolgten Trends anpassen oder die Liquidität wieder erhöhen. Dieser Fonds liegt trotz anhaltender Aktienschwäche im ersten Quartal 2009 im Plus und hält im Moment noch gut 20 % Kasse, die bei einer Stabilisierung der Märkte noch eingesetzt werden kann.

AK

Herr Dr. Kaesmeier, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für unsere Kunden und Partner genommen haben.

 

 

 

 

Die DEUTSCHE LAND+WERT

Die Deutsche Land+Wert - Gesellschaft zur Vermögensentwicklung in der Landwirtschaft mbH wurde mit der Zielsetzung Zuverlässigkeit, Sicherheit und individuelle, maßgeschneiderte Lösungen - ausschließlich - für die Landwirtschaft gegründet. Sie konzentriert sich auf die bisher leider zu oft vernachlässigten Landwirte und hilft ihnen, gemeinsam mit dem Steuerberater ihres Vertrauens, die optimale individuelle Lösung zu realisieren.

MERCK FINCK & CO

Seit 139 Jahren engatiert sich Merck Finck & Co, Privatbankiers für eine anspruchsvolle Klientel. Den Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit bildet die Vermögensbetreuung und -verwaltung für vermögende Privatkunden. Mit 24 Standorten in Deutschland und rund 150 Beratern beansprucht Merck Finck & Co, Privatbankiers hinsichtlich der Nähe zu den Kunden die führende Position unter den deutschen Privatbanken.

Der "Elite Report" des Handelsblatts verlieh Merck Finck & Co die Bestnote "summa cum laude" unter den führenden Vermögensverwaltern im deutschsprachigen Raum. FocusMoney würdigte die Beratung und verlieh den Privatbankiers das Prädikat "besonders empfehlenswert" (Gesamtnote 1,57).



Quelle
Merck Finck & Co.

Wichtige Hyperlinks
www.merckfinck.com
www.dluw.de


Autor:
A. Krekel